PROJEKT

64'er

DAS MAGAZIN FÜR COMPUTER-FANS ONLINE


Kreatives Chaos

64'er Ausgabe 10/Oktober 1984, Seite 12 ff.

Der Computer bietet in der Datenfernübertragung ungeahnte Möglichkeiten. Aber die Gefahr des Mißbrauchs ist gegeben. Hier werden immer wieder die Hacker genannt. Ihre bekannteste »Vereinigung« ist in Deutschland der Chaos Computer Club in Hamburg. Das folgende Interview ist weder eine Rechfertigung noch eine Verurteilung der Hacker. Der Artikel soll einen Einblick in die »Philosophie« des CCC-Teams bieten.

Dieses Interview wurde telefonisch durchgeführt, wobei die Interviewten, zwei Mitglieder des CCC, vor einem Telefonverstärker saßen. Das wohl wichtigste Ergebnis ist: Das Bild vom Hacker, der nur aus Spaß und aus Freude an der Sache selber in Datenbanken eindringt, ist nicht mehr aktuell. Die »Hacker« vom Chaos Computer Club (CCC) verstehen sich selber als Kommunikationsexperten, die das neue Medium Datenfernübertragung per Modem zur weltweiten Kommunikation nutzen. Letztendlich soll jeder unzensiert Informationen austauschen können. Das langfristige Ziel ist die Installation von besseren, objektiveren Möglichkeiten zur freien Meinungsbildung Ein »Hacker« dieser Couleur sieht also in seinem Handeln eine gesellschaftliche Aufgabe.

Was macht der Chaos Computer Club überhaupt?

Wir verbreiten Informationen über neue Medien und unsere Erfahrungen und tauschen Informationen über die verschiedensten Sachen aus. Computer sind so etwas wie ein neues Medium für uns und diese Datenverbindungen sind für uns eine neue Form von Straßen und öffentlichen Plätzen, auf denen wir uns bewegen. Wir möchten mit der Zeitschrift »Datenschleuder« andere Leute auf die bestehenden Möglichkeiten und die Gefahren hinweisen.

Das ist doch ein bißchen harmlos ausgedrückt, oder?

Ich weiß nicht, was Du willst. Die ganzen Zeitschriften oder was immer so berichtet, die versuchen uns immer in eine leicht kriminelle Ecke hineinzudrücken. Das ist überhaupt nicht unser Sinn und Zweck oder gar unser Anliegen. Wir möchten ganz einfach nur miteinander Kontakt halten und aufnehmen und natürlich auch - also ich persönlich - in den Rechnern gucken, was da so abläuft. Um da reinzukommen muß man ein bißchen kreativ sein.

Wie kam es zur Gründung des Chaos Computer Clubs?

Vor drei Jahren haben sich ein paar Leute zusammengehockt, und gemeint, daß man mit Computern auch andere Sachen machen kann, als das, was zumindest hier in Deutschland zu diesen Zeiten üblich war. Da ist dann eine Kleinanzeige in einer Tageszeitung erschienen, und in Berlin fand ein Treffen von zwei Dutzend Leuten aus dem Bundesgebiet statt. Da haben wir damals beschlossen in Kontakt zu bleiben und Erfahrungen auszutauschen. Die Idee war einfach die, eine Zeitschrift zu machen, aber zu dem Zeitpunkt war das alles zu locker, und es hat nicht hingehauen. Weiter haben sich Kontakte zu den USA ergeben, zu Cheshire Catalyst (dem »König« der Hacker in den USA, d.Red.) und zu dessen Zeitschrift Cap, die eine ganze Reihe von Leuten hier im Bundesgebiet schon kannten und abonniert haben. Auf der TELECOM im Herbst 83 habe ich ihn selber kennengelernt und darüber eine Doppelseite in einer Tageszeitung geschrieben. Und diese Doppelseite hat eine ganze Menge an Resonanz hervorgebracht. Zur Jahreswende war es dann soweit, eine Zeitschrift zu machen. Vorher gab es die Idee, alle Informationen über Floppy auszutauschen, aber das war alles inkompatibel und hatte keinen Zweck. Die Zeitschrift wurde zur Jahreswende angekündigt und brachte binnen einer Woche an die 100 Zuschriften. Da war das hier in Hamburg einfach klar: Wenn 100 Leute das haben wollen, muß die einfach gemacht werden. Im März war es dann endlich soweit, fertig war die erste Nummer. Als dann die erste und die zweite Nummer heraus waren, ergab sich eine wahre Briefflut. Wenn ich meine beiden Hände hochkant hinhalte, das entspricht der eingegangenen Post.

Wieviele Abonnenten hat die Zeitschrift?

Wir sind einfach den Weg gegangen, daß der, der geschrieben hat, auch Informationen bekam, egal ob er jetzt Geld schickte oder nicht. Die Zahl der Abonnenten bewegt sich bei etwas über 200.

Wie schauen jetzt eure finanziellen Möglichkeiten aus?

Schlecht! Die Produktionskosten von der Zeitung liegen pro Exemplar rund bei 10 Pfennig, die Doppelseite DIN-A-3 bedruckt. Auf der anderen Seite ist das Teuerste halt das Porto. 50 Pfennig für jedes Ding. Auf ein Exemplar kommen drei Exemplare, die nicht bezahlt sind, die wir einfach wegschicken, sei es zur, Probe, oder auf eine Anfrage, wo nichts bei lag. Sie finanziert sich eben gerade über der Grasnarbe, aber wir haben die Hoffnung, daß eine Reihe von Leuten dazu bereit ist, dafür auch zu zahlen. Wenn Geld reinkommt, kann man auch weitermachen.

Und von den 200 Abonnenten hat jeder etwa 30 Mark gezahlt?

So ungefähr. Die sind auf den Faktor l gekommen, ein paar haben auch noch etwas gespendet, aber das war leider weniger als erhofft. Die Herstellung einer Datenschleuder kostet ungefähr 1000 Mark pro Ausgabe.

Wie lange bekommt einer die DS 30 Mark zugeschickt?

Ein Chaos-Jahr. Das ist effektiv ungefähr ein Jahr, mit ungefähr 10 Ausgaben. Da müßt Ihr unbedingt unsere Adresse angeben, sonst rennen sie Euch die Bude ein.

Wie viele feste Mitglieder sind jetzt dabei?

Zur Mitgliederstruktur: Das ist ziemlich offen und frei. Jeder, der Informationen für uns hat, der trägt sie einfach bei, ob er nun Abonnent oder nur Bezieher der Datenschleuder ist, oder ob er gar nichts von der Datenschleuder weiß. Es gibt Leute, die beschäftigen sich mit dem Modembauplan, wir stellen zum Beispiel Platinen her, vertreiben sie auch. Dann machen wir die Datenschleuder, und haben die Kommunikation über Computer Das ist einfach eine offene Struktur, wo jeder, der Lust hat, mitmachen kann und es irgendwann bleiben läßt. Wir sind aber am Überlegen, ob wir das Ganze in Vereinsstrukturen einbinden sollen. Es gibt ein paar Stellen nach außen, wo wir einfach auf Probleme stoßen. Aber auf der anderen Seite gefallt uns einfach diese offene Struktur. Das ist ein Dilemma.

Eine ungefähre Zahlenangabe laßt sich doch machen, oder?

Wann man das auf der Ebene der Abonnenten ansetzt, kommt man so auf über 200, davon etwa 30 in Hamburg Das sind immer so fließende Grenzen. Soll ich jetzt einen Grafiker, der mal ein paar Bilder für die Datenschleuder malt als Mitglied einstufen oder nicht? Das sehen wir nicht so eng Da kommt jemand dazu, findet das interessant, macht dann einfach mit. Das ist auch so bei den Treffen, die wir einmal in der Woche in einer Kneipe hier in Hamburg machen Da kommen wechselweise immer andere vorbei, ein Stammtisch eben. Zum anderen treffen wir uns einmal im Monat allgemein zum Informationsaustausch.

Welche Leute machen mit?

Das geht vom Piloten über einen Schlosser, Leute mit einem eigenen Laden bis hin zu Arbeitslosen und Studenten. Sie sind zwischen 16 und 35 Jahre alt. Nicht älter.

Wie beurteilt Ihr die rechtliche Lage Eurer Aktivitäten?

Wir mögen es überhaupt nicht, wenn wir in irgendeine Ecke gedrängt werden. Jetzt wird gesagt, alles seien Kriminelle, die Datenbanken knacken und einen großen Unfug treiben. Wir erheben grundsätzlich nicht den Anspruch, daß wir uns an alle Gesetze und Regeln halten, zum Beispiel bezogen auf die Verwendung von nicht FTZ-geprüftem Gerät. Wir wollen die Bundespost davon überzeugen, daß das wie in England gehandhabt wird, also grob gesagt, die Nutzung von nicht FTZ-geprüftem Gerat zugelassen wird. Das ist eine klare Forderung von uns. Wir sind das Gegenteil von Computerkrimellen, die wegen des eigenen finanziellen Vorteils in Computersysteme eindringen und irgendwelche Sachen von dort verkaufen, genauso wie wir uns ganz klar von Leuten distanzieren, die Software kopieren und dann weiterverkaufen. Auf der anderen Seite ist das bei uns so wie beim Patentrecht. Wenn wir bestimmte Dinge ausschließlich für den privaten Gebrauch benutzen, kann es durchaus vorkommen, daß wir Geräte verwenden oder Sachen machen, die irgendwie nicht zugelassen sind.

Was sind die wichtigsten Ziele des CCC?

Eine ganz wichtige Zielsetzung ist das neue Menschenrecht auf weitweiten, freien Informationsaustausch. Ungehindert. Das ist eine Chance, die die elektronischen Medien einfach bieten. Es passiert in einigen extremen Fällen, sagen wir mal bei Telefonaten mit Israel, daß sich die Zensur einschaltet und die Verbindung abbricht. Und in die Sowjetunion gibt es überhaupt keinen Selbstwahlverkehr. Sonst ist das Telefon ja ein Hilfsmittel, um mit Menschen in aller Welt Verbindung zu bekommen und unzensiert zu reden. Und das ist ein ungeheurer Fortschritt, wenn man 200 Jahre zurückdenkt. Und diese Entwicklung wollen wir in Richtung auf die neuen Medien weitertreiben, wir versuchen einfach, die internationale freie Diskussion zu fordern, also so etwas wie der »freedom of Information act« in den USA erreichen, weitweit.

Versteht Ihr jetzt unter frei auch kostenlos?

Das wäre schön. Aber angesichts meiner Telefonrechnung wurde ich sagen, daß das schon lange nicht mehr kostenlos ist. Das ist eine Wunschvorstellung, die sich so nicht verwirklichen läßt. Es ist aber viel billiger als zum Beispiel jetzt dauernd herumreisen zu müssen, es ist so möglich, daß zu relativ geringen Kosten internationale Konferenzen stattfinden. Und an dem Punkt stinken wir natürlich auch gegen eine restriktive Gebührenpolitik der Bundespost an. Es ist um den Faktor 4 billiger, von den USA nach hier zu telefonieren als von hier in die USA. In den USA sind Ortsgespräche zum Beispiel kostenlos. Die Bundespost hat ihr Monopol, und sie nutzt es aus. So ist es in den USA möglich, als Funkamateur das Funknetz mit dem Telefonnetz zu koppeln, was in der Bundesrepublik verboten ist. An solchen Stellen haben wir, einmal vorsichtig ausgedrückt, reformerische Vorstellungen.

Seht Ihr in dem Buch »Der Schockwellenreiter« von John Brunner irgendwelche Parallelen in Eurer Arbeit?

Das ist ein Buch, das eine Reihe von Leuten ziemlich beeindruckt hat. Das ist eine Aktualisierung von »Brave New-Worid« oder »1984« auf elektronische Medien. Es schildert eine Reihe von Gefahren und Chancen, die zu wenig in der Diskussion sind. Da finde ich einfach, das ist ein richtiges Buch.

Wie, meint Ihr, wird sich das Ganze in den nächsten 10 Jahren weiterentwickeln?

Einrichtung von mehr Mailboxen. Die ganze Computerei wird das Miteinander der Menschen ganz schön beeinflussen. In viel stärkerem Maße als das Telefon. Als negatives Bild: Vor 10 Jahren gab es die ersten Videogruppen »Neues Medium, kann man interessante Sachen damit machen, zum Beispiel eine Stadtteilvideo oder Betroffenenvideo.« Also ein Medium für Einfalle. Und was ist nach 10 Jahren herausgekommen? Ein absolutes Massending, mit Horror und Porno. Und in ähnlicher Weise sehe ich das im Negativen für die Computerei. Sie führt zu einer neuen Form von Orientierung auf die Maschine und Sprachlosigkeit. Ich sage nur »1926 Metropolis« als Stichwort. Wir wollen versuchen, die Leute von ihren Daddelspielen wegzuziehen und zu einem kreativeren Umgang mit dem Medium zu bewegen. Unsere Hoffnung ist, daß der Computer als neues Medium positiv zur Verständigung beiträgt.

Wie seht Ihr in diesem Zusammenhang die Zukunft für den CCC?

Wichtig ist, daß das gedruckte Medium nur eine Krücke und ein Übergang-Medium ist, womit alle angesprochen werden, die keinen Computer und kein Modem haben. Also für die, die nicht »online« sind. Auf Dauer wird eine gedruckte Sache an Bedeutung verlieren. Die Ecken in den Mallboxen, wo Neuigkeiten drinstehen, sind viel aktueller und interessanter. Was in der Datenschleuder steht, ist oft total veraltet, wenn sie rauskommt. Jene, die sich ein bißchen in Mallboxen herumtun, sind vom Informationsstand einfach vier Wochen weiter. Deshalb müßte sich der Informationsaustausch viel mehr auf die elektronischen Medien verlagern. Auch bei uns.

Was würdet Ihr jemandem raten, der sich für die Kommunikation als solche interessiert?

Online! Rein in die Dinger! Gucken und sehen, was ihm gefällt, ob er irgendwas findet, womit er etwas anfangen kann und was seinen Interessen entspricht. Und wenn er nichts findet, sollte er zusehen, daß er etwas aufbaut. Auf alle Falle immer aktiv sein.

Wer da ein bißchen ernsthaft herangeht, wird relativ bald mit allem, was er sieht, unzufrieden sein. Er wird sagen: Verdammt noch mal, ich mache meine eigene Mailbox. Das ist ja das elektronische Äquivalent zu einer Zeitung. Die Medien per DFÜ ermöglichen so etwas für alle, die etwas sagen, etwas mittellen wollen. Jede Mailbox hat ihre eigene Handschrift, ihre eigenen Informationsecken, wenn auch ziemlich viel soziales Geräusch wie beim CB-Funk dabei ist.

Plant Ihr vielleicht eine Mailbox oder auch etwas ähnliches?

Wir sind dabei, eine elektronische Mitfahrerzentrale zu programmieren. Der Schwarzmarkt hier in Hamburg praktiziert seit acht Jahren eine Mitfahrerzentrale. Wir wollen so etwas über DFÜ und Computer machen.

Kostenlos, oder?

Ja, wenn einer aber etwas spenden will, wird das natürlich gerne gesehen, aber grundsätzlich soll es nichts kosten.

Wie seht Ihr die Lage bei den Modems?

Die Situation bei den Modems sieht so aus: Die billigsten sind im Moment von Tandy, die aber im Moment nicht lieferbar sind. Es gibt noch ganz billige Selbstbaumodems, die aber nur 300 Baud schaffen. Wenn man sich länger damit beschäftigt, sind 300 Baud einfach zu langsam. Da kommt man auf so etwas wie den 7910/7911; deshalb haben wir den Bausatz mit Platine entwickelt, den wir zu Selbstkosten vertreiben.

Noch eine Frage: Ist BTX eine Konkurrenz für DFÜ?

BTX ist von der Gebührenpolitik so konzipiert, daß es einfach viel zu teuer ist, BTX wurde zu einem Zeitpunkt entworfen, als die ganzen Mikro- und Kleincomputer noch gar nicht absehbar waren. Noch einmal direkter gesagt: BTX und der Cept-Standard wurden am Schreibtisch konzipiert, und die meisten Bildschirmtextgeräte sind nun einmal reine BTX-Geräte und keine Computer, und zwingen den, der ein BTX-Gerät hat, sich zusätzlich noch einen Computer zu kaufen. So glaube ich einfach, daß ein Datennetz, das die grafischen Möglichkeiten eines C64 ausnutzt, sich mehr verbreiten wird, als BTX von der Post, das staatlich unterstützt wird.

Also BTX wird längerfristig nicht überleben?

Nicht als breites Enduser-Ding. Für spezialisierte Sachen und bestimmte Firmen wird es wohl überleben, aber in sehr kleinem Rahmen. Guck Dir an wieviel hunderttausend C64 es gibt und wieviel tausend BTX-Anwender. Trotzdem werden wir bis zum Ende des Jahres unseren BTX-Dienst ausbauen und erweitern, aber ab Einführung der erhöhten Gebühren werden wir unseren BTX ausschalten. Wir haben einen Antrag auf 100 Seiten laufen, um einen einigermaßen aktuellen Informationsdienst anzubieten. Wir wollen eben einige BTX-Anwender auf andere Gedanken bringen und sie auf andere Möglichkeiten hinweisen. Aber spätestens zur Gebührenerhöhung werden wir aussteigen. Wir sind auf der Seite 19058 im Berliner Übergangsrechner, und auf der Seite 20305080 im neuen.

Ok, das war's!

Der CCC ist auch noch im RMI-Net über Datex-P zu erreichen (NUA 44241040341) unter dem Namen Chaos-Computer-Club c/o Schwarzmarkt, Bundesstraße 9, 2000 Hamburg 13.

© Originalartikel: WEKA Verlagsgesellschaft, 64'er
© HTML-Veröffentlichung: Projekt 64'er online
Erfassung des Artikels: Frank Hüttemeister



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