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64'er

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Computerszene in der DDR

Ein C64 für 3000 Mark

64'er Ausgabe 5/Mai 1990, S. 11-12

Die offenen Grenzen haben auch Bewegung in die DDR-Computerszene gebracht. Ein "Verband der Computerclubs" (VCC) wird gerade gegründet. Die DDR-Computer-Szene kommt in Bewegung, was auch das erste DDR-Hackertreffen in Ostberlin zeigte.

Am 24./25. Februar fand das erste Treffen der DDR-Hacker im Ostberliner "Haus der jungen Talente" statt. Rund 600 Computerfans - darunter 50 aus dem Westen - waren in das zentrale Jugendhaus in der Ostberliner Klosterstraße gekommen, vor allem, um Erfahrungen und Programme auszutauschen, Fachvorträge von Spezialisten anzuhören und neue Kontakte zu knüpfen. Ein Höhepunkt des Kongresses bot das Ost-/West-Streitgespräch zwischen Prof. Dr. Völz vom Ostberliner Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse und dem Münchner Rechtsanwalt Freiherr von Grafenreuth. Prof. Völz möchte Software jedem privaten Nutzer "völlig frei und kostenlos" zur Verfügung stellen und damit eine neue Computerkultur entwickeln. Freiherr von Grafenreuth widersprach dieser Idee mit dem Argument, man müsse den Urheberschutz und eine angemessene Bezahlung der Programmierer berücksichtigen. Um dieser Problematik Rechnung zu tragen, beschrieb der DDR-Professor sein erdachtes Alternativ-Konzept zum bisherigen Umgang mit der Software; ähnlich wie im Kulturbereich der Bundesrepublik die GEMA müßte für die Nutzung der Software eine Steuer von ein oder zwei Prozent erhoben werden, die über eine zentrale Stelle anteilmäßig auf alle Urheber aufgeteilt würde. Seiner Auffassung nach kämen Programmierer bei dieser Handhabung finanziell sogar noch besser weg als heute.

Kommunikationskongreß
Kommunikationskongreß 90 in Ostberlin: gespannte Aufmerksamkeit für die Referenten.


Die Diskussion der zahlreichen professionellen Hard- und Softwarewarespezialisten aus der DDR, die den Weg zum Kongreß gefunden hatten, veranschaulichte aber auch die in der DDR vorhandene Unsicherheit über die Zukunft der Technikentwicklung im eigenen Land. Die offene Grenze hat ein neuartiges Konkurrenzverhältnis mit den westlichen Entwicklungen geschaffen, die den Geräten und Programmen der DDR in der Regel um einige Jahre voraus sind. Je konkreter geplante Joint-Venture-Projekte werden, um so unsinniger wird der Versuch, diesen Vorsprung durch eigenständige Entwicklungen aufzuholen.

Optimistischer wurde die Diskussion um die Veränderungen durch die offene Grenze von den Hackern geführt. Von ihnen wittern viele die Chance, sich mit Hilfe ihres Steckenpferdes selbständig zu machen. Michael Knießner, Programm-Entwickler im "Zentrum für Forschung und Technologie" des Kombinats Nachrichtelektronik bilanzierte alleine für Karl-Marx-Stadt 500 Anträge auf Gründung von Softwarehäusern. Auch wenn die Mühlen noch langsam mahlen, bedeutet das langfristig sicher eine verstärkte Konkurrenz für die bundesdeutschen Software-Produzenten.

Der Schwerpunkt lag bei diesem "Kommunikationskongreß" natürlich auf der Datenfernübertragung, angesichts der wenigen Telefone in der DDR und der mangelnden Leitungsqualität kein einfaches Spiel. Trotzdem gibt es in Ostberlin mittlerweile schon fünf Mailboxen. Mit selbstgebauten Akustikkopplern oder Modems aus dem Westen loggen sich die - noch wenigen - User zu mitternächtlicher Stunde ein. Uwe Panzenhagen von der DIMI-Box: "Ich kann die Mailbox nur in der Nacht laufen lassen, tagsüber wird das einzige Telefon für andere Zwecke gebraucht. Darum gebe ich auch die Nummer nicht öffentlich bekannt. Denn mit der Disziplin ist es bei den Usern nicht so weit her, die rufen dann zu den unmöglichsten Zeiten an".

Von einer "knapp vierstelligen Zahl" von Computerclubs in der DDR geht Michael Gähme aus. Er gehört zu den Initiatoren des neuen Dachverbandes VCC: "Dazu zählen viele kleine Clubs an den Schulen, in den Berufsbildungseinrichtungen und an den Hochschulen. Aber auch Freizeitclubs wie wir." Michael Gähme und Gernot Zander sind Mitglieder des Computerclubs "Perikont" im Ostberliner Stadtteil Pankow. Der Name steht für "Periphere Kontakte". Gernot Zander: "Wir sind inzwischen fünfzehn Leute und haben uns auf Eigeninitiative zusammengefunden. Da war jemand, der spezielle Programme brauchte, eine Datenverarbeitung für eine Fahrschule, die er betreibt und er suchte jemand, der ihm das macht. Da haben sich erst zwei und dann immer mehr Leute zusammengefunden. Sie beschäftigten sich dann mit dem Anschluß peripherer Geräte, mit dem Ausbau der Hardware. Wir also sind Leute, die nicht nur programmieren oder den Computer benutzen, sondern wir basteln auch an den Geräten". Die Geräte, das sind vor allem die "Kleinrechner&quor; KC 85/3 und KC 85/4 aus dem Mikroelektronikwerk Mühlhausen sowie der KC 87 aus dem Robotron Meßelektronikwerk in Dresden. Michael Gähme: "Unsere sämtlichen Computer sind Z-80-Rechner". Diese Geräte (Arbeitsspeicher 16 KByte, Ausgabegerät Fernsehapparat, Massenspeicher Cassettenrecorder) sind nicht nur als Hobbygeräte im Einsatz. Auch in DDR-Büros und in Betrieben sind sie noch überall als Steuerungsrechner zu finden. Die beiden Computerfreaks aus Pankow wollen auf ihre Kleinrechner nichts kommen lassen: "Wir haben im Club auch noch einen Einplatinenrechner Z 1013, der ist mit sehr viel Bastelei verbunden. Man lernt damit aber eine ganze Menge und man muß mit dem Lötkolben umgehen können. Basic ist voll einsetzbar, man kann sehr komfortabel Maschinensprache programmieren, Versuche in Pascal gibt es auch. Die Schwierigkeit besteht darin, daß es mit Diskettenlaufwerken bei uns sehr schlecht aussieht". Die "Pericont"-Leute haben inzwischen ein Terminalprogramm für die KC-Rechner geschrieben. So können auch deren User jetzt in die DFÜ einsteigen, denn immerhin sind rund 40000 dieser DDR-Kleincomputer im Einsatz. Sie kosten gebraucht immer noch zwischen 1000 und 3000 Mark das Stück. Für den April dieses Jahres hat der VEB Mikroelektronik "Wilhelm Pieck" in Mühlhausen ein Nachfolgemodell angekündigt: den KC compact. Wieder ein 8-Bit-Rechner auf der Basis des DDR-Prozessors U 880. Neu ist ein spezieller Soundchip U 8912 aus DDR-Produktion. Das Basic ist im 32-KB-ROM des Rechners mit implementiert.

Ostberliner Computerladen
In diesem Laden am Ostberliner Schiffbauer Damm gibt es westliche Computer


Im Computerclub des Ostberliner "Haus der jungen Talente" (HdjT) wird dagegen mehr mit westlichen Rechnern gearbeitet. Bei einer Nachfrage unter fünf Computerfreaks in diesem zentralen Jugendhaus (60 hauptamtliche Mitarbeiter) kommt heraus: alle fünf haben einen Commodore 64, zwei zusätzlich einen XT und einen Amiga. Schätzungsweise zwischen 150000 und 250000 westliche Computer haben in den letzten Jahren den Weg in die DDR gefunden.

Roman Golka (18), Mitglied im HdjT-Computerclub: "Vor der Wende hat die Oma die Rechner einfach mitgebracht oder es sind Päckchen geschickt worden". Gegen Westgeld konnten Computer seit Ende 1985 auch in den Intershops gekauft werden. Tobias Heer (21), ebenfalls Mitglied im HdjT-Computerclub: "Mein erster Commodore 64 war ein Weihnachtsgeschenk. Da wurde die Oma oder die Tante in den Shop gezerrt und so lange gebettelt, bis sie zahlten". In den Intershops lagen die Kosten für Heim- und Personal-Computer geringfügig über den Preisen in der Bundesrepublik. Angesichts der offenen Grenzen wurden sie - um das Geschäft nicht ganz zu verlieren - jetzt gesenkt. Software und Computerliteratur - so ein Schild im Computer-Intershop am Ostberliner Schiffbauer Damm - werden nun 20 Prozent billiger als in Westberlin angeboten.

Ein gebrauchter C64 kostet in der DDR immer noch rund 3000 Ostmark, eine Floppy ebensoviel. Für ein Paket von 10 Disketten legt der Computerfreak 600 Mark hin.

HdjT
Computerclub im "Haus der jungen Talente": Die ersten Gerätespenden sind da.


Stefan Seeboldt (37), seit einigen Jahren hauptberuflicher Leiter des Computerclubs im HdjT: "Die Ausstattung mit Hardware ist unser größtes Problem«. An die IBM-kompatiblen Personal-Computer aus DDR-Produktion (1989 wurden immerhin 130000 Stück produziert) kommen Privatleute nicht heran. Sie gehen in die Industrie, fiktive "Industriepreise" von zeitweise 120000 Mark pro Rechner machten die Suche nach solchem Gerät von vornherein aussichtslos.

Inzwischen sind bei den Ostberliner Computerfreaks einige ältere CP/M-Rechner aus dem Westen angelangt. Seit einigen Wochen läuft eine Spendenkampagne in der Bundesrepublik. Stefan Seeboldt: "Die Rechner sind zwar ein bißchen vorsintflutlich. Aber das schadet nichts, sie sind noch wirklich gut brauchbar. Dazu kommt eine ganz nette Bibliothek mit Büchern und Zeitschriften. Das ist aber alles noch im Fluß."

Interessenten für den neuen "Verband der Computerclubs" in der DDR können sich an Michael Gähme, Binzstr. 5 in Berlin 1100 (Tel. 4725306) oder Eberhard Paul, Ilsenstr.9 in Neuenhagen 1273 (Tel. 89355) wenden.

Die Spieler blieben weg

Dirk Scheuermann (33) arbeitet seit einigen Jahren im Computerclub des Ostberliner "Haus der jungen Talente" (HdjT) mit. Dieser Club ist einer der ältesten und größten der DDR.

64'er: Wann hat das mit eurem Computerclub angefangen?

Dirk: Im Januar 1986. Ich hatte damals meinen ersten C64 und war ganz stolz. Dann habe ich ein Club-Inserat in der Zeitung gelesen und bin gleich hingegangen.

64'er: Womit habt Ihr Euch dann im Club beschäftigt?

Dirk: Das hat mit Spielerei angefangen, wir haben die Kindheit etwas auf dem Computer nachgeholt. Aber dann ging es schon ernsthafter los: Zuerst Basic, dann auch andere Programmiersprachen. Vom Club aus haben wir einen Basic-Lehrgang angeboten, der sehr rege besucht worden ist. Zwischenzeitlich wurde dann auch über bestimmte Hardwareprobleme gesprochen. Damals hatte ja kaum jemand einen Computer zu Hause. Das ist heute schon anders.

64'er: Und die Teilnahme an euren Treffen war groß?

Dirk: Der Raum war oft überfüllt. Es gab eine Menge Schwierigkeiten, wir hatten ja nur den einen Raum und den noch nicht mal fest. Geräte auch nicht, es wurden dann die privaten Rechner mitgebracht.

64'er: Mit welchen Computern arbeitet ihr?

Dirk: An größere Geräte aus DDR-Produktion sind wir gar nicht rangekommen. Ich kam dann mit einem Commodore 64, andere hatten nur die DDR-Kleincomputer. So standen wir nun da und mußten immer einen Mittelweg finden, um für alle was anzubieten. Das war gar nicht so einfach und führte teilweise zu heftigen Diskussionen.

64'er: Und das Ergebnis?

Dirk: Als es um Spiele ging, waren viele junge Kids noch da. Aber als es dann doch ernsthafter wurde, lief alles auseinander. Die Spieler kamen nicht mehr. Zum Schluß blieben diejenigen da, die sich für spezielle Sachen interessieren. Ich zum Beispiel für Sound, Grafik und Computeranimation.


(Erny Hildebrandt/gk)

© Originalartikel: WEKA Verlagsgesellschaft, 64'er
© HTML-Veröffentlichung: Projekt 64'er online
Erfassung des Artikels inkl. Bildmaterial: Olaf Zimmermann



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